Potsdam-Club e.V.
in der Bundesstadt Bonn

Vereinigung zur Förderung der Städtepartnerschaft Bonn - Potsdam

Partnerschaften Ost - West

Impuls beim Potsdam-Club Bonn, 29. Juni 2019

 

Versöhnt leben: Chancen, Risiken, Nebenwirkungen anhand von kirchlichen Partnerschaften in Ost und West

 

Superintendentin Angelika Zädow

 

Es gilt das gesprochene Wort

 

 

1. Biografisch-familiärer Zugang einer Wessi mit östlichem Migrationshintergrund

 

Aufgewachsen bin ich in Bonn. Mit meinem Bruder, den Eltern und den Großeltern väterlicherseits.

Alle anderen Familienmitglieder wohnten „drüben“. Von Kindheit an waren für mich die Begriffe „Zone“, „drüben“, „DDR“ deshalb zwar vertraut. Aber prägender waren die Orte, aus denen Oma, Opa, Tante, Onkel, Kusine, Cousin kamen.

In Halberstadt und Umgebung lebten und leben bis heute die Verwandten mütterlicherseits.

In (Ost-) Berlin lebten die Verwandten väterlicherseits.

 

Als Kind waren die Besuche der älteren Berliner Verwandtschaft in Bonn normaler Teil des Jahresprogramms ebenso wie die jährlichen Ferien bei den Großeltern und der jüngeren Verwandtschaft in Halberstadt.

 

Diese Besuche „drüben“ hatten für mich als Kind Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre immer einen Hauch von Abenteuer - eine Mischung aus Hindernissen, die es zu bewältigen gab und einer Art Faszination, wenn man mal „drüben drin“ war.

 

Da war die Zugfahrt auf die Grenze zu - und mit jedem Kilometer wurden die Erwachsenen stiller oder extrem gesprächig, manche Koffer wurden neu sortiert oder anders gelagert. Dann die Kontrolle. Wird wieder jemand aus dem Zug geholt? Die ängstlichen Blicke derer, die tatsächlich „unser“ Abteil verlassen mussten.

 

Schließlich in Halberstadt angekommen die Faszination. Der Opa hatte ein Moped, die anderen ein Auto. Wir fuhren durch die Lande und ich empfand das tatsächlich als ein Stück Freiheit im Vergleich zu meinem Zuhause, denn unsere Familie hatte weder Fernseher noch Auto oder Moped.

 

Untergebracht waren wir im alten Gerberhaus meiner Großeltern mit Werkstatt im Keller und Graben hinterm Haus.

 

Im Jugendalter sah ich vieles kritischer. Meine Kusine, mein Bruder und ich schrieben Briefe hin und her. Verglichen Schulbücher und die Schulsysteme.

In Halberstadt liefen wir auf eigene Faust los, sahen die grauen Fassaden, die verfallenen Gebäude. Den Kohleschmutz, der sich bis in die Schleimhäute festsetzte. Nach einem eigenmächtigen Ausflug in die Wälder beim Brocken fingen wir uns eine schallende Ohrfeige meiner Tante.

Mein Bruder machte sich einen Spaß aus den Bedingungen. Zusammen mit meiner Kusine plante er einen Besuch in Ilsenburg im nahen Sperrgebiet, weil er unbedingt „mal kontrolliert“ werden wollte. Sehr zu seinem Verdruss wurde lediglich die Kusine kontrolliert.

 

Dass das alles wenig mit Spaß zu tun hatte, wurde spätestens dann deutlich, als der Halberstädter Familie nahegelegt wurde, den Kontakt in den Westen abzubrechen, wenn ein Schulabschluss mit Abitur gewünscht wäre. Meine Kusine lehnte ab, durfte auch die gewünschte Ausbildung nicht machen. Sicher ist, dass die Familie beobachtet wurde. Mit der Stasi sollte ich nach der Wende eine ganz andere Erfahrung machen. Dazu später mehr.

 

Vom Gerberhaus verschwand 1987 über Nacht das Schild des Denkmalschutzes und den Großeltern wurde eine „Zweiraumwohnung“ zugewiesen.

 

 

2. Partnerschaften Ost - West in meinem ehrenamtlich-beruflichen Kontext

 

In der Gemeinde, in der ich als junge Erwachsene zu Hause war, gab es eine Partnerschaft nach Markee, einem kleinen Ort bei Nauen.

Regelmäßig feierten wir Partnerschaftsgottesdienste in den Gemeindezentren, hörten die Berichte über Besuche und auch über das, was an Kirche und Pfarrhaus zu tun war oder dank der Hilfe schon getan war.

Das hört sich jetzt gut an, war aber im gemeindlichen Alltag einer 10000 Menschen starken Gemeinde eher eine Randerscheinung.

 

Viel wichtiger und prägender waren ganz offensichtlich die persönlichen Freundschaften, die durch die Besuche entstanden waren. Das konnten wir - damals - Jüngeren jedenfalls den glänzenden Augen und warmherzigen Worten der älteren Gemeindeglieder entnehmen.

 

Leider war eine Begegnung der jüngeren Generation in der Partnerschaftsarbeit nicht im Blick - eine Erfahrung übrigens, die ich später im Rückblick auch in meiner Vikariatsgemeinde gemacht habe. Inhaltlich getragen wurde die Partnerschaft im Wesentlichen von einzelnen Freundschaften Älterer und den jeweiligen Pfarrern (sic!), die dann auch die Leitungsgremien von einem partnerschaftlichen Engagement überzeugten, das dann vor allem finanzieller Art war.

Der einzige Besuch in Markee, bei dem ich mitfuhr, war eher von touristischen Unternehmungen als von Themen geprägt.

 

Nach der Wende schliefen diese Partnerschaften ein. Geblieben sind spärliche Kontakte auf privater Ebene.

 

Ganz anders war es auf Kirchenkreisebene. Der Kirchenkreis Bonn unterhielt eine sehr lebendige Partnerschaft in den Kirchenkreis Nauen, die es bis heute gibt. Trafen sich zu DDR-Zeiten vor allem die Leitungspersonen, nutzten nach der Wende auch die jeweiligen Konvente ihre neuen Möglichkeiten, trafen sich entweder an einem dritten Ort (Wien (;-)) oder zu gegenseitigen Besuchen. Inhalte und Themen wurden vorher ausgemacht und besprochen. Zu den Synoden kam und kommt je eine kleine Delegation.

 

Und das, obwohl ein Pfarrer im KK Bonn Anfang der 90er Jahre als IM enttarnt wurde - zur Zeit der Bundeshauptstadt und in Sachen Natodoppelbeschluss u.a. hatte er 30 Jahre regelmäßig dem MfS berichtet.

 

Stabile und gewollte Partnerschaften halten also wirklich einiges aus!

 

Als Superintendentin im Kirchenkreis Halberstadt habe ich dann vier für mich erstaunliche Erfahrungen gemacht:

 

- Es gab zwischen dem KK HBS und meiner alten Gemeinde zahlreiche unterschiedliche Beziehungen von DDR-Zeiten an. Durch meine Wahl gab es beidseitig starke Neugier und Interesse, was durch den Gemeindebesuch zur Einführung noch bestärkt wurde.

Dennoch ging es über diese Neugier nicht hinaus. Neugier ja, Partnerschaft nein - auf beiden Seiten.

- Im KK HBS gab es Partnerschaften - allerdings in der Regel nicht in den deutschen Westen, sondern wenn, dann in die Niederlande, nach Schweden, Kuba und England.

- In einem 500 Seelen-Ort des KK lebte eine alte Ost-Westpartnerschaft weiter in Gestalt eines Basars, der zwei Mal im Jahr stattfand. Dort wurden gespendete „westliche“ Kleidung, Schuhe und Dekomaterial zugunsten von Baumaßnahmen an der Ost-Kirche verkauft. Die Ostgemeinde war darauf sehr stolz. Die Wessi-Sup in Anbetracht der geringen Qualität der gespendeten Sachen peinlichst berührt.

- Schließlich der Anruf eines Kollegen aus dem Wilden Westen: er sei mit einer Gruppe unterwegs und sie wollten das Gespräch mit unserem KK suchen, um zu lernen, wie man mit kleiner werdenden Gemeinden und viel zu vielen Gebäuden umgehen kann. „Wir“ hätten doch da Erfahrung.

 

In Potsdam schließlich wieder eine Überraschung: Kirchlich kann ich (ok, ich bin da noch neu) keine kreiskirchliche Partnerschaft erkennen. Aber über die Städtepartnerschaft Bonn-Potsdam einerseits und das Projekt Garnisonkirche andererseits wird nun verstärkt aus Bonn der Kontakt zum KK Potsdam gesucht.

Mal sehen, wie sich das weiter entwickelt …

 

 

3. Ausblick - vor allem Fragen, Fragen, Fragen

 

Bei den verschiedenen Erzählungen und Vorträgen wurde mir deutlich, dass vor allem diejenigen von der Partnerschaft profitierten, die sie inhaltlich gestalteten. Dabei scheint es zweitrangig zu sein, welcher konkrete Inhalt gemeinsam verantwortet wird. Ob Ausflug, Gottesdienst, Bibelarbeit, Freizeiten oder gesellschaftliche Themen - das gemeinsame Erleben verankert sich anders als finanzielle Hilfe.

Gleichzeitig gilt aber wohl auch, dass dieser intensive Kontakt nur proportional zu den engagierten Einzelpersonen ausstrahlen konnte. Das heißt: je mehr Personen, je mehr Partnerschaft, je weniger Personen je weniger Partnerschaft.

Das erklärt auch, warum vor allem im kirchenmusikalischen Bereich (Chor, Bläser und Orchester) Partnerschaften die Wende überdauerten (Babelsberg-Schwetzingen, Röttgen - Veckenstedt).

 

Ich denke ja, heute sind wir als Kirche und Stadtgesellschaften in Ost und West vor ähnliche Fragen gestellt.

Z.B.:

 

Welches Verständnis von Kirche bzw. Gesellschaft leitet uns in eine Zukunft, in der immer weniger Menschen Kirchenmitglieder sind?

Wie gestalten wir angesichts dieses Wandels gemeinsames Leben?

Wie viel Institution braucht es dazu?

 

Wie ist die kirchliche und kommunale Rolle bei der Integration von Menschen aus anderen Ländern?

Welcher Heimatbegriff ist für die Kirche und Kommune leitend?

Wo müssen wir deutlich und vernehmbar Position beziehen gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit?

Wie können wir die social media nutzen?

Wie bringen wir uns am besten in die Debatten zum Klimaschutz, zu gerechten Arbeitslöhnen und -bedingungen ein?

 

Zugleich sind westliche und östliche Gesellschaft durchaus unterschiedlich geprägt.

Welche Unterschiede sind das?

Wie können Verschiedenheiten fruchtbar gemacht werden?

Welche Rolle spielen die Regionen - Stadt - Land - Zuzugsgebiete (West - Ost)?

Vor allem aber:

Sind wir noch neugierig (genug) aufeinander?

Welche „Räume“ - in Gemeinde, Kirchenkreis - Kommune - Verein - eignen sich zum gegenseitigen Erzählen und Wahrnehmen?

 

Braucht es angesichts der immer noch in den Köpfen geprägten Bilder bzw. gegenseitiger Unkenntnis neue „Partnerschaftsformen“ - die sich an Themen orientieren und nicht an ehemaligen Ländern?

Wenn ja, welche Themen sind das?

Hier klicken für Predigt von
Angelika Zädow in der Kreuzkirche

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