Peter Joseph Lenné:

die aktuelle Biografie

Clemens Alexander Wimmer:

Der Gartenkünstler Peter Joseph Lenné. Eine Karriere am preußischen Hof. Lambert Schneider Verlag Darmstadt

(Wissenschaftliche Buch-Gesellschaft)

240 Seiten mit Leseband

24 Illustrationen farbig,

25 Illustrationen schwarz-weiß

ISBN-Nr. 9783650401298

Preis: 29,95 €,

als E-Book (pdf oder epub): 23,99 €

Webseite des Verlags:

www.wbg-verlage.de

 

 

Potsdam-Club e.V.
in der Bundesstadt Bonn

Vereinigung zur Förderung der Städtepartnerschaft Bonn - Potsdam

REZENSION

von Katharina Wiechers in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (PNN 23.01.2016):

Hofgärtner? Nein danke!

http://www.pnn.de/potsdam/1043101

Rezension (12.02.2016) des Vorsitzenden der Lenné-Akademie für Gartenbau und Gartenkultur (Teltow),

Dr. Hans-Hermann Bentrup:

http://www.lenne-akademie.de/Rezension_Wimmer_-_P.J._Lenne_-_Der_Gartenkunstler.pdf

 

KOMMENTAR zu einem Aufsatz von Michael Seiler über die Konkurrenten Pückler und Lenné im Begleitband zur Pückler-Ausstellung in der Bundeskunsthalle.

In einem Interview mit der in Potsdam erscheinenden Märkischen Allgemeinen (MAZ 23.01.2016) äußert sich der am Sanssouci-Park wohnende Biograf über seine Arbeitsweise:

"Lenné ist eine Figur aus der Geschichte. Ich habe versucht, mich ihm möglichst neutral zu nähern. Ohne Verherrlichung und ohne Vorurteile. Was bei ihm nicht immer leicht fällt."

 

Michael Seiler über die "fruchtbringende Konkurrenz"

von Lenné und Pückler-Muskau

 

Autorenporträt in der Zeitschrift "Gartenpraxis",

Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart:

 

"Dr. Clemens Alexander Wimmer: Der Diplom-Ingenieur und promovierte Garten- und Landschaftsgestalter befasst sich seit 1984 freiberuflich mit der Erforschung und Rekonstruktion historischer Gärten wie auch mit dem Entwurf von Neuanlagen. Durch zahlreiche Veröffentlichungen ist er als Gartenhistoriker bekannt. Sein besonderes Engagement gilt der Erschließung von Gartenliteratur und findet in seiner ehrenamtlichen Arbeit in der Bücherei des Deutschen Gartenbaues, im Arbeitskreis Historische Gärten und im Arbeitskreis Orangerien seinen Ausdruck."

 

www.gartenpraxis.de

 

 

Man kann die jüngste Biografie als Kampfschrift gegen die "idealisierende Lenné-Geschichts-schreibung" (S. 196) lesen. Man kann sie aber auch als den ersten umfassenden Versuch verstehen, das Leben Peter Joseph Lennés unter Beachtung historisch-kritischer Ansprüche zu würdigen. Immerhin hat der Autor über 30 Jahre damit verbracht, alle verfügbaren Quellen zu dem in Bonn geborenen und in Potsdam gestorbenen Gartenkünstler, Landschaftsarchitekten und Stadtplaner ausfindig zu machen.

Dr. Wimmer hat in der Tat eine heftige Aversion. Wir können diese auf Seite 14 mitgeteilte Lektoratsreaktion aus dem Vorfeld der Veröffentlichung durchaus nachvollziehen. Doch richtet sie sich in erster Linie gegen den Personenkult, der mit dem Namen Lenné verbunden ist. Ob man von vielen Lenné-Denkmälern sprechen kann (S. 8), ist Ansichtssache. Jedenfalls sind die vorhandenen recht bescheiden gestaltet und platziert. Dass aber über Lennés Person bisher weniger Verbürg-tes bekannt ist als über die ihm zugeschriebenen Werke, ist nicht von der Hand zu weisen.

Die Idealisierungen basieren, so resümiert Wimmer, auf zwei Texten von 1853 und 1858, die Lenné als angeforderte Eigenwürdigung in der dritten Person verfasst habe. Er sei auch hier den Ratschlägen seines Vaters Peter Joseph Lenné d. Ä. gefolgt, stets auf seinen eigenen Vorteil zu achten. Sein Amtsnachfolger Ferdinand Jühlke habe ihm zwar versprochen, als Dank für die erfolgreiche Einflussnahme auf die Personal-entscheidung des Königs eine Biografie zu schreiben, habe diese dann doch nicht vorgelegt.

Die umfangreichen Biografien von Gerhard Hinz (1937, erweitert 1989) und des heute noch in Lennés ehemaliger Wohnung lebenden Harri Günther (1985) stünden in der Tradition einer Lenné-Verehrung, die ihn auch nach 1945 in Ost und West als "Volksbeglücker und Vorbild" (S. 12) vermittelten. "Mythifizierung als singuläres Künstlergenie aber ist nicht mehr zeitgemäß" (S. 14), wie sie noch Lennés entfernte Verwandte Petra Habrock-Henrich 2011 in einem Beitrag für das Periodikum des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz betreibe.

Wimmer fühlte sich durch den DDR-Historiker Ulrich Reinisch ermutigt, der 1989 im Potsdamer Neuen Palais bei einem Kolloquium unter den Augen der Stasi den bisher einzigen quellen-kritischen Zugang zu Lenné eröffnet habe. Nur so könne man ihm wie heute üblich "in Augenhöhe" (S. 14) begegnen.

 

 

Biograf Wimmer muss das Naserümpfen ein-gefleischter Lenné-Fans aushalten (zum Fan gehört der Mythos), wenn er Lenné vom Sockel des genialen Gartenkünstlers stößt und ihn als ehrgeizigen und erfolgreichen Gartenbeamten charakterisiert.

Lenné sei nicht nach Potsdam "berufen" worden, sondern habe sich vor allem aufgrund guter Beziehungen seines Vaters erfolgreich bewerben können. Habrock-Henrich vermutet hingegen im Begleitband zur Koblenzer Lenné-Ausstellung von 2011, er habe sich durch seine frühen Stadt-planungsarbeiten selbst das Sprungbrett nach Potsdam geschaffen.

Die Verwandte berichtet, Lennés Schwester Elisabeth Margarete sei Mary genannt worden, während Wimmer sie Lieschen nennt. Vermutlich wurde sie vor ihrer Ehe mit dem renommierten Koblenzer Juristen und Politiker Franz Peter Adams in der Lenné-Familie so genannt, ähnlich den unverheirateten Schwestern Trautchen und Gretchen. Wimmers Revisionsbedürfnis hätte die Beachtung dieser Petitesse nicht beeinträchtigt.

Lennés spätere Leistungen müssten weit mehr seinem umfangreichen Mitarbeiterstab zugesprochen werden. Seine eigenen gestal-terischen Vorstellungen huldigten zudem einem Landschaftsgarten-Ideal, das schon der zeitgenössische Kunsthistoriker Rumohr als "hinter der Zeit weit zurückgeblieben" (S. 145) betrachtete. Bei der berühmten Bornimer Feldflur habe man übersehen, dass nicht Lenné, sondern Hermann "Sello diese Arbeiten 1844-48 durchführte" (S. 116).

Überhaupt sei "Sello unter den Hofgärtnern Friedrich Wilhelms IV. der wichtigste" gewesen (S. 115). Als königlicher Hofgärtner habe Lenné nur als Fürstenknecht wirken können, zum Beispiel bei der Stadtplanung in Berlin: "Seine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, die Planungen Friedrich Wilhelms IV. für die Ausführung vorzubereiten" (S. 161). Wo er Einfluss hatte wie bei der Entwicklung der Eisenbahn, habe er nicht das Volk, sondern die Kapitalinteressen der Aktionäre im Blick gehabt. "Und Lenné konnte dabei sein Vermögen vermehren" (S. 176).

Lenné habe sich um Hoffähigkeit bemüht. Aber nur der Schwellentitel "Generaldirektor" sei durchsetzbar gewesen, nicht "Generalintendant" oder Adelsdiplom (S. 192 ff).

Aber wer sich an solchen Erkenntnissen ernsthaft stört, hat wohl überhaupt ein Problem mit geschichtswissenschaftlich begründeten Personencharakterisierungen. Goethes Ansehen hat die Friedenthal'sche Demontage nach dem Motto des gefallenen Engels auch nicht geschadet.

 

 

Aber wie das so ist bei populärwissenschaftlichen Publikationen, finden sich auch fragwürdige Reflexionen wie die über Lennés Pockennarben (S. 33). Eine entsprechende Krankheit in der Jugend kann der Autor nur vermuten, aber nicht belegen. Dass dies selbstverständlich Kompensation fordere, ist dann doch eine arg plumpe und vorurteilsbehaftete Schlussfolgerung, womit Lennés Ehrgeiz und Fleiß auf ein beleidigendes Niveau gezogen werden. In einem Aufsatz zur Rezeptionsgeschichte warnt der Autor selbst vor solchen Kurzschlüssen, da man Lenné "leicht so ziemlich alles unterstellen kann" (Florian von Buttlar, Hrsg.: Peter Josef Lenné, Volkspark und Arkadien, 1989, S. 109). Dass Lenné "groß und kräftig war" (S. 81), lässt sich nicht nachvollziehen. Die Altersfotos sprechen eher dagegen (S. 197 f).

Sicherlich trägt der von Eifersucht und Gehässigkeit geprägte nachbarschaftliche Blick der Gartendirektorentochter Karoline Schulze zur Entzauberung Lennés bei. Es gibt aber zu denken, dass sich für ihre 600 Handschriftenseiten starke Hofgärtnergeschichte kein Verlag interessiert hat.

Vielleicht will der selber im Lenné'schen Metier agierende Biograf sich auch nur von einer rivalisierenden Übergröße abgrenzen und wirkt daher ein bisschen arrogant: "Ich hätte anderes zu tun, im eigenen Garten warten dringend große Arbeiten" (S. 13). Clericus clericum non decimat, pflegt der Küchenlateiner zu sagen.

Die vielen Druckfehler sind wohl dem zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gehö-renden Verlag anzulasten, nicht dem Autor. Der Berliner Volkspark Friedrichshain erhielt seinen Namen zum 100. Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs II., nicht erst 100 Jahre später (S. 162). 1989 stellt Wimmer korrekt fest (a.a.O., S. 108), dass die erste Bonner Lenné-Ausstellung 1968 zustande kam, nicht wie hier auf Seite 9: 1966. Irritierend, weil zum 100. Todestag in Bonn immerhin eine Gedenkfeier organisiert wurde. An dieser Stelle mag man sich verwundert fragen, warum die Bonner im Jubiläumsjahr 2016 weder dies noch das auf die Reihe bekommen haben, dafür aber in „ihrer“ Bundeskunsthalle eine fürstliche Pückler-Ausstellung bewundern dürfen.

 

 

Der im Französischen Revolutionsjahr 1789 geborene Peter Joseph Lenné erweist sich in dieser Biografie als symptomatisch für Glanz und Elend des deutschen Bürgertums im 19. Jahr-hundert. In seinem Bemühen um persönliche Reputation und finanzielle Absicherung bei gleichzeitiger Ehrerbietigkeit gegenüber dem herrschenden Adel stellt der Bürger sein Humanitätsideal zur Disposition. Dieser Mangel an sozialem Profil würde erklären, warum Lenné ziemlich reibungsfrei auch in allen deutschen Gesellschaftssystemen des 20. Jahrhunderts idealisiert werden konnte.

Für Bonner nicht uninteressant: der Hinweis auf die 1984 erfolgte Schenkung des heute im abgeschiedenen Ortsteil Ückesdorf im Ruhe-stand lebenden Augenarztes Dr. Heinz Lenné an die Berliner Schlösserverwaltung. Wer wissen will, was er außer dem vergoldeten Jubiläums-Lorbeerkranz übergeben hat, erfährt dies bei der Lektüre der detailreichen, gut gegliederten und spannend geschriebenen Biografie.

© Walter Christian, 12.06.2016

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